Eine Patientin sagte mir kürzlich: „Sobald mein Partner abends etwas länger nicht antwortet, gerate ich innerlich in Panik – dabei weiß ich rational, dass nichts passiert ist.“ Diese Diskrepanz zwischen Wissen und Fühlen begegnet mir in der Arbeit mit Verlassenheitsängsten sehr häufig. Der Kopf versteht die Situation, der Körper reagiert trotzdem, als stünde etwas Bedrohliches bevor.
Woher solche Muster stammen
Häufig liegt der Ursprung in der frühen Kindheit. Wenn Bezugspersonen unzuverlässig verfügbar waren – mal liebevoll zugewandt, mal abweisend oder abwesend, ohne dass sich das vorhersehen ließ –, lernt ein Kind früh, wachsam zu sein. Nähe wird dann nicht als sicher erlebt, sondern als etwas, das jederzeit wieder entzogen werden kann. Diese Erfahrung prägt sich tief ein, oft lange bevor es dafür überhaupt Worte gibt.
Im Erwachsenenalter zeigt sich das dann nicht als bewusste Erinnerung, sondern als Reaktionsmuster: die Angst, wenn eine Nachricht ausbleibt, oder umgekehrt der Rückzug aus Beziehungen, bevor man selbst verlassen werden könnte. Beide Reaktionen – Klammern und Distanzieren – können Ausdruck desselben Grundmusters sein.
Warum reines Reden oft nicht reicht
In meiner Praxis erlebe ich, dass Betroffene ihr Muster meist schon gut erklären können. Sie wissen, dass die Reaktion unverhältnismäßig ist, sie können sie sogar in Worte fassen. Trotzdem verändert sich im Moment der Angst nichts. Das liegt daran, dass Bindungsmuster nicht nur gedanklich gespeichert sind, sondern körperlich und emotional. Reines Verstehen reicht deshalb selten aus – die Arbeit muss auch dort ansetzen, wo das Muster tatsächlich abgelegt ist.
Wie Trauma-Arbeit hier ansetzt
Bei ausgeprägten Verlassenheitsängsten mit klarem Bezug zu frühen Erfahrungen kann eine traumaorientierte Herangehensweise, etwa EMDR, hilfreich sein. Dabei geht es nicht darum, die Kindheit neu zu erzählen, sondern konkrete, prägende Situationen so zu bearbeiten, dass sie ihre emotionale Wucht verlieren. Parallel dazu arbeite ich mit meinen Patientinnen und Patienten daran, aktuelle Beziehungssituationen neu einzuordnen – zu unterscheiden, was aus der Gegenwart stammt und was ein altes Signal ist, das gerade wieder anspringt.
Ein Weg, kein Zustand
Verlassenheitsängste verschwinden selten von einem Tag auf den anderen. Was sich verändert, ist die Fähigkeit, die eigene Reaktion frühzeitig zu erkennen und einzuordnen, bevor sie eine Beziehung überrollt. Manche meiner Patientinnen und Patienten berichten nach einiger Zeit, dass sie eine Nachricht, die auf sich warten lässt, zwar noch bemerken, aber nicht mehr sofort in den Alarmzustand geraten. Das ist ein Fortschritt, auch wenn er sich zunächst klein anfühlt.
Wenn Sie sich in diesen Mustern wiedererkennen, muss das nicht bedeuten, dass grundlegend etwas falsch mit Ihnen ist. Es bedeutet, dass Ihr System früh gelernt hat, wachsam zu sein. In einem Erstgespräch können wir gemeinsam schauen, wie eine passende Unterstützung für Sie aussehen könnte.