In meiner Praxis höre ich häufig eine Formulierung, die die Sache ziemlich genau trifft: Es fühlt sich an, als würde ein Schalter umgelegt, und dann bin ich weg. Manche meinen damit Wutausbrüche, die im Nachhinein unverhältnismäßig wirken. Andere beschreiben eine Traurigkeit, die sie tagelang lähmt, oder eine Anspannung, die sich in Sekunden zu Panik steigert. Emotionsregulation, also die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen und angemessen mit ihnen umzugehen, ist keine Charaktereigenschaft, die man hat oder nicht hat. Sie lässt sich trainieren.

Erst wahrnehmen, dann benennen

Der erste Schritt klingt banal, ist in der Praxis aber oft der schwierigste: das Gefühl frühzeitig bemerken, bevor es die Kontrolle übernimmt. Viele meiner Patientinnen und Patienten merken eine aufsteigende Wut erst dann, wenn sie schon laut geworden sind. Ich arbeite deshalb gern mit einer Art Frühwarnsystem – körperliche Signale wie ein enger Brustkorb, heiße Ohren oder ein flacher Atem lassen sich mit etwas Übung erkennen, lange bevor die Emotion überkocht. Wer das schafft, gewinnt Zeit. Und Zeit ist in solchen Momenten das Wertvollste, was man hat.

Zur Wahrnehmung gehört auch das genaue Benennen. Ärger ist nicht gleich Ärger – manchmal steckt Enttäuschung dahinter, manchmal Erschöpfung, manchmal ein altes Gefühl von Zurückweisung. Je präziser die Bezeichnung, desto gezielter lässt sich damit arbeiten.

Skills, die im Alltag tragen

Aus der Verhaltenstherapie, insbesondere aus dialektisch-behavioralen Ansätzen, stammen einige einfache, aber wirksame Techniken. Die sogenannte Reizüberflutung durch intensive Sinneswahrnehmung gehört dazu: kaltes Wasser über die Handgelenke laufen lassen, an etwas scharf Riechendem schnuppern, kurz und intensiv Sport treiben. Solche Reize können das Nervensystem in Sekunden aus einem überfluteten Zustand herausholen, weil der Körper sich auf etwas Neues konzentrieren muss.

Für weniger akute Situationen hilft die sogenannte gegenteilige Handlung. Wer aus Angst am liebsten den Rückzug antreten würde, geht bewusst einen kleinen Schritt in die andere Richtung – nicht das ganze Gespräch führen, aber wenigstens einen Satz sagen. Das durchbricht das automatische Muster, ohne zu überfordern.

Auch das strukturierte Aufschieben ist ein legitimes Werkzeug. Nicht jede Emotion muss sofort ausagiert werden. Ein bewusst gesetzter Zeitpunkt – heute Abend schreibe ich dazu ein paar Zeilen, aber jetzt gerade nicht – nimmt den Druck, ohne das Gefühl zu verdrängen.

Warum Übung wichtiger ist als Theorie

Diese Techniken funktionieren nicht auf Anhieb perfekt, und das ist auch nicht das Ziel. Emotionsregulation ist wie eine Sprache, die man lernt: anfangs holprig, mit Rückschlägen, aber mit jeder Anwendung etwas selbstverständlicher. In der Therapie üben wir das oft direkt in der Sitzung, an konkreten Beispielen aus der vergangenen Woche, damit die Übertragung in den Alltag gelingt.

Was mir in der Arbeit besonders auffällt: Menschen, die lange geglaubt haben, ihre Gefühle würden sie beherrschen, entdecken nach einiger Zeit, dass umgekehrt etwas möglich wird. Sie beginnen, ihre Reaktionen zu steuern, ohne sie zu unterdrücken. Das verändert akute Krisenmomente, aber häufig auch, wie jemand über sich selbst denkt.

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