Vor der ersten EMDR-Sitzung haben viele Patientinnen und Patienten in meiner Berliner Praxis ähnliche Fragen: Was passiert da eigentlich genau, tut es weh, muss ich alles noch einmal durchleben? Die Unsicherheit ist verständlich, denn EMDR wirkt von außen ungewohnt. Ein Blick auf den tatsächlichen Ablauf nimmt davon einiges.
Vor der eigentlichen Verarbeitung: Vorbereitung und Stabilisierung
Eine EMDR-Sitzung beginnt nie direkt mit der Verarbeitung eines belastenden Erlebnisses. Zuerst geht es darum, gemeinsam ein sicheres Setting aufzubauen. Dazu gehört ein sogenannter sicherer Ort – eine innere Vorstellung, zu der Sie jederzeit zurückkehren können, falls die Belastung während der Sitzung zu groß wird. Auch Ressourcen wie frühere Erfahrungen von Stärke oder Selbstwirksamkeit werden in dieser Phase erarbeitet, bevor überhaupt an das eigentliche Thema herangegangen wird.
Die Zielerinnerung: Bild, Gedanke, Körperempfindung
Für die eigentliche Verarbeitung wählen wir gemeinsam ein belastendes Erinnerungsbild aus. Dazu wird ein negativer Kernsatz formuliert, der die Erinnerung heute noch begleitet, etwa „Ich bin schuld“ oder „Ich bin nicht sicher“. Parallel dazu wird erfragt, wo im Körper die Belastung spürbar ist und wie stark sie gerade empfunden wird, auf einer Skala von null bis zehn. Diese Ausgangswerte dienen später auch dazu, den Fortschritt innerhalb der Sitzung sichtbar zu machen.
Die bilaterale Stimulation: der eigentliche Kern von EMDR
Jetzt beginnt der namensgebende Teil: Während Sie sich auf das Bild, den Kernsatz und die Körperempfindung konzentrieren, folgen Sie mit den Augen meiner Hand, die sich gleichmäßig hin und her bewegt. Alternativ arbeiten manche Praxen mit Tönen im Wechsel zwischen beiden Ohren oder mit leichtem Klopfen auf beide Handrücken. Nach etwa 20 bis 30 Sekunden halte ich inne und frage, was gerade auftaucht. Oft sind das neue Bilder, Gedanken oder Gefühle, die mit der ursprünglichen Erinnerung verknüpft sind. Diese Sets wiederholen sich mehrfach innerhalb der Sitzung, wobei sich die Belastung bei den meisten Menschen Schritt für Schritt verringert.
Warum das Verfahren wirkt, ist noch nicht vollständig verstanden
Was genau bei der bilateralen Stimulation im Gehirn passiert, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Eine gängige Annahme ist, dass ähnliche Prozesse aktiviert werden wie im Traumschlaf, wodurch belastende Erinnerungen neu abgespeichert werden können, ohne ihre emotionale Wucht zu behalten. Für die Praxis entscheidend ist weniger die genaue Erklärung als die Erfahrung vieler Betroffener, dass sich der Zugriff auf das Erlebnis nach einigen Sitzungen spürbar verändert.
In meiner Praxis in Berlin: zurück im Hier und Jetzt am Ende der Sitzung
Jede Sitzung endet mit einer Rückführung zum sicheren Ort und einer kurzen Einschätzung, wie stabil Sie sich fühlen, bevor Sie die Praxis verlassen. Auch wenn eine Erinnerung noch nicht vollständig verarbeitet ist, wird die Sitzung so beendet, dass Sie handlungsfähig in den Alltag zurückkehren. Ich nehme mir dafür bewusst Zeit am Ende jeder Sitzung, auch wenn dadurch die eigentliche Verarbeitungsphase manchmal etwas kürzer ausfällt als geplant.
Wer EMDR erwägt, muss kein bestimmtes Vorwissen mitbringen. Entscheidend ist die Bereitschaft, sich in einem geschützten Rahmen auf einen ungewohnten Prozess einzulassen – der Ablauf selbst folgt einer klaren Struktur, die von Sitzung zu Sitzung Sicherheit gibt.